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Kohle ist schwarz oder Eine nicht alltägliche Geschichte Von Dietmar Ladzik Eigentlich war es ein Montag wie jeder andere Montag im Jahr, doch sollte sich dieser 10. März 1997 zu einem Tag der besonderen Art entwickeln. Wie fast jeden Tag verabschiedete ich mich in der Frühe von meinem holden Weibe im Glauben, daß wir uns am Nachmittag wieder zusammenfinden würden, um dem fünfköpfigen Familienleben zu frönen. Doch weit gefehlt wie es sich im Laufe des Tages herausstellen sollte. Ich bestieg also in der üblichen Montagmorgen-Laune mein Auto, um mich auf die Pendlertour nach Bonn zu begeben, jedoch nicht ohne meine Fahrgemeinschaft zu vergessen, welche nicht weit von meiner Dienststelle seinem Brotverdienst nachgeht. Auch an diesem Morgen lauschten wir den Klängen meines alten Heimatsenders WDR 2 und immer noch war alles so, wie es immer war. Doch mit den 6-Uhr-Nachrichten änderte sich alles. Im Rahmen der Nachrichten berichtete ein Reporter live und geheimnisvoll von einer Zeche im "Pott". Trafen sich doch dort mehrere hundert oder waren es schon Tausende von Bergleuten, um sich, so vermutete er, auf den Weg nach Bonn zu machen. Na ja, Montagmorgen, Demo, aber viel wird es wohl schon nicht werden. Mit diesen Gedanken ging es die Abfahrt Graurheindorf hinunter, vorbei an zwei Motorrädern die mit Besatzung am Wegesrande standen. Doch "Halt", die beiden, so verriet mir das Kennzeichen kamen aus Recklinghausen und das Polizistenhirn stellte die ersten Verbindung zwischen den eben gehörten Nachrichten und den Bikern her. Diese Erkenntnis ließ den Satz herausrutschen: "Aha, da sind wohl schon die ersten!" Das Gesagte entlockte meiner Fahrgemeinschaft einen sorgenvollen Blick, wohl darauf gerichtet, ob man denn pünktlich, zumindest doch vor dem späten Abend nach Hause käme. Den Blick richtig interpretierend beruhigte ich sofort meine Mitfahrer, daß es bestimmt nur eine "normale" Demo geben würde, die sich im üblichen Zeitrahmen abspielt. So verabschiedeten wir uns kurz danach mit der üblichen Floskel "Bis nachher". Hier sei schon gesagt, daß dieses "Nachher" erst vier Tage später seinen Sinn bekommen sollte. Auf der Dienststelle angekommen, galt es erst einmal, anstatt mir wie gewöhnlich das polizeiübliche Heißgetränk einzuverleiben, das hektisch klingelnde Telefon zu beruhigen. In dem Gedanken, wer stört schon vor Dienstbeginn nahm ich den Hörer ab und wurde mit einem freundlichen "Guten Morgen" des Kollegen der Einsatzleitstelle begrüßt. Dieser teilte mir nun offiziell den Demoeinsatz mit, der bis dahin nur vage Vermutung war. Also hinein in den üblichen Trott, schließlich kennt man ja schon fast alle möglichen und unmöglichen Demoformen und -farben und auch hier kann es ja nicht anders sein. Aber auch hier weit gefehlt, denn was sich von nun an entwickelte, war und ist für mich und die anderen in dieser Story erwähnten Akteure (eine ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht rein zufällig und ausdrücklich erwünscht) an Einmaligkeit in der Geschichte des Bonner Demonstrations-geschehens wohl nicht mehr zu überbieten. Zur ersten Begegnung mit den Demonstationsteilnehmern kam es dann gegen 8 Uhr vor der FDP-Parteizentrale, wo sie das Gebäude umstellt und mit Ankerketten gesichert hatten. Die Stimmung war locker, wobei jedoch doch die Ernsthaftigkeit der Aktion förmlich spürbar in der Luft lag. Diese Stimmung hielt auch an, als der Demonstrationsort auf die B 9 ausgeweitet wurde. Wie nun mal bei Demos üblich, wurden verantwortliche Ansprechpartner gesucht und auch sogleich gefunden. Der Hundertschaftsführer der 13. BPH., Klaus Kapellner, fand zum Betriebsrats-vorsitzenden der Zeche Hugo Klaus Herzmanatus, wobei sein erster Satz: "Wenn ihr alle so ausseht, haben wir wohl keine Chance!", in eine sehr treffende Personenbeschreibung des Hundertschaftsführers mündete. Meine Ansprechpartner fand ich in den Organisatoren der Biker, Michael Schröder und Michael Schruff, letzterer dem Klaus Kapellner aufgrund seiner Erscheinung in nichts nachstand. Michael Schröder, die Bikererscheinung in Persona, wurde von mir einfach dahingehend aufgeklärt, daß ich ab sofort sein persönlicher Schatten sei, was anfänglich auf Ungläubigkeit stieß. Nach diesen Vorstellungsgesprächen plätscherte der Bach "Demonstration" vor sich hin, wurde jedoch nach und nach zu einem großem Strom. Waren doch allein 10.000 Mopeds (Wort für Motorräder im Ruhrpottslang) vor Ort. Daß es hier und da zu kleinen Problemen kam ist wohl jedem klar, doch wurden diese sofort in Angriff genommen und gelöst. So wurde über die Pl Süd, namentlich Charles Dicke, für einen platten Mopedreifen schnellstens Ersatz besorgt. Auch wurde der ein oder andere Bikertip ausgetauscht. Einen Tip der besonderen Art hatte Michael Schröder auf Lager, der das doch sehr aufwendige Putzen eines Mopeds auf ein Minimum an Arbeitsaufwand reduziert. Michael putzt nämlich seine Fördermaschine, auf diesen ausdrucksvollen Namen hat er seine nicht alltägliche Honda Magna getauft, ganz schlicht und einfach mit einer Dose mattschwarz. Einfach tschaka, tschaka ....... sprühen und fertig! Diese und weitere Anekdoten, die alle hier niederzuschreiben den Rahmen sprengen würde, schrieb die Demogeschichte '97. Doch damit noch nicht genug. Um jedoch zu vermeiden, daß ich nun doch in die Versuchung komme, ein nachgeschobenes Einsatztagebuch zu verfassen, unterbreche ich an dieser Stelle die Chronologie, da diese ausreichend durch die verschiedenen Medien in mehr oder weniger objektiver Art und Weise aufgezeichnet wurde. Man verabschiedete sich also nach vier Tagen, die mit kurzen Unterbrechungen gemeinsam verbracht wurden, mit den besten Wünschen, dem Austausch der Telefonnummern und alle waren doch auch ein wenig stolz, daß eine solche emotionsgeladene Demonstration ohne Blessuren, gleich auf welcher Seite, ihren Abschluß fand. Als ich wieder nach Hause kam, glücklicherweise erkannten mich meine Kinder sofort wieder, dachte ich einfach nur ans Abschalten. Doch wieder wurde ich vom erlebten Geschehen eingeholt, denn abends, gemütlich auf dem Sofa, surfenderweise durch die Fernsehkanäle - zapp - Diskussionsrunde und .... Schatzi schau, da sind die Bären mit denen ich die letzten Tage und Nächte verbracht habe, aber trotzdem ereilte es mich dann. Die Anstrengung der vergangenen Tage forderte ihren Tribut und ließ mich ohne Vorwarnung in den Schlaf fallen. Zwei Wochen später klingelte das Telefon im Büro und am anderen Ende erklang ein herzliches "Glück Auf", hier ist der Klaus Herzmanatus. Man ließ das Vergangene noch einmal Revue passieren, plauderte ein bißchen aus dem Privatleben und kam so zu einem Thema, welches sich für mich als folgenschwer im positiven Sinne herausstellen sollte. Klaus erwähnte nämlich so nebenbei, daß er die Führerscheinklasse 1 erworben habe und sich nun auch ein entsprechendes Gefährt zulegen wolle. Nun, genauso nebenbei fragte ich: "Doch wohl keine VN 800 Classic?" Damit hatte ich einen Volltreffer gelandet, denn seine überraschende Antwort lautete: "Woher weißt Du das denn?" ..... Die Polizei weiß eben alles, nein, nein, der Grund für meinen Volltreffer lag allein darin, daß mein Kollege Jürgen gerade auf dem Weg war, sich dieses Moped zu kaufen. Da über diese Aktion auf der Dienststelle ausgiebig gefachsimpelt wurde, war mir auch der im Raum stehende Preis bekannt und so erfragte ich die Konditionen, um diese mit denen von Jürgen zu vergleichen. Der Preis, den Klaus mir nannte, veranlaßte mich, unser Gespräch abrupt zu beenden, um Jürgen zu verständigen, der ja auf dem Wege war, den Kaufvertrag abzuschließen. Zum Glück hat Gott uns Menschen die Gabe gegeben, eine Technik zu erfinden, die sich Handy nennt und Jürgen war im Besitz eines solchen. Also wurde er kurzerhand angerufen und war nach einer Viertelstunde wieder auf der Dienststelle, zu diesem Zeitpunkt noch ungläubig über den Preis, den ich ihm mitgeteilt hatte. Genauso ungläubig soll auch der Händler gewesen sein, als Jürgen den Kugelschreiber aus der Hand legte und aus dem Laden verschwand. Nun wurde wiederum Klaus angerufen und man verabredete sich in zwei Tagen bei einem Motorradhändler in Essen. Jürgen und ich machten uns also an einem sonnigen Mittwoch auf den Weg in den Pott, der eine um ein neues Moped zu kaufen, der andere um einen Bekannten wiederzusehen, oder?? Es kam wieder anders als gedacht. Da wir früher als vereinbart am Treffpunkt waren, zeigte mir Jürgen das chromblitzende Objekt seiner Begierde. Und da war es das erste Mal, das Kribbeln in mir, wieder mal ein Moped zu fahren. Aber es war schon nicht mehr als Kribbeln zu bezeichnen, es war schon vielmehr ein Verlangen, denn es war schon sehr lange her, daß ich ein solches Gefährt durch die Lande bugsiert hatte. Zwischenzeitlich war auch Klaus mit seiner Lebensgefährtin eingetroffen und nach einem kurzen Akt der Wiedersehensfreude drehte sich alles nur noch um eins: das Motorrad, Entschuldigung "das Moped". Klaus und Jürgen machten eine Probefahrt und anschließend konnte auch ich es mir nicht mehr verkneifen, ein paar Runden im Hof zu drehen, schließlich wollte ich nur das Verlangen ein wenig stillen. Kurz und gut, nach einer Woche traf man sich in Essen wieder, um von dort als stolze Besitzer eines neuen Mopeds wieder den Heimweg anzutreten. Es verging eine nicht allzulange Zeit und man telefonierte wieder, denn man hatte nun auch noch ein gemeinsames Hobby und so war es auch nicht verwunderlich, daß die erste gemeinsame Ausfahrt geplant wurde. Am Vatertag war es dann soweit und so trafen sich 30 Bergleute und Polizisten an der FDP-Parteizentrale in Bonn, wo sonst, um von dort aus zu starten. Die Bergleute hatten selbstverständlich ein "kleines Souvenir" mitgebracht, welches seinen Platz an einer Türe eines "bestimmten" Gebäudes fand. Die Gruppe startete also zu einer ausgiebigen Biker-Tour, wobei feststand, daß man sich näher kennenlernen wollte und da für übernachtungsmöglichkeiten gesorgt war, stand dem ....auch nichts mehr im Wege. An diesem Abend wurden dann noch einige Pläne geschmiedet, die in der nachfolgenden Zeit auch in die Tat umgesetzt wurden. So fuhren 14 Kollegen auf dem Bergwerk Hugo ein und lernten den 1200 Meter tief gelegenen Arbeitsplatz eines Bergmannes kennen. Diese Grubenfahrt war für mich und ich denke, daß ich auch für die anderen Teilnehmer sprechen kann, ein Erlebnis, welches erst in den folgenden Tagen richtig verarbeitet werden konnte; denn trotz modernster Technik ist diese Arbeit immer noch "Knochenarbeit in Reinkultur". Dabei war alles umrahmt von einer Freundlichkeit und Herzlichkeit, die seinesgleichen sucht, denn jeder Wunsch wurde uns praktisch von den Augen abgelesen. Als Krönung wurden wir dann alle zum Hauer h.c. geschlagen, und zwar nach altem Brauch mit Pannschüppe und Vorschlaghammer. Eine andere Aktion sollte nun doch fast jeglichen Rahmen sprengen. Es war geplant, dem Polizeipräsidenten in Bonn eine Grubenlampe zu überreichen, denn dieser hatte einen maßgeblichen Anteil an dem doch reibungslosen Ablauf der Demo. Diese übergabe sollte eine kleine Delegation von Bikern vornehmen und so wurden Termine abgesprochen und der Ablauf geplant. Doch auch hier kam wieder alles anders! Das Interesse bei den motorradfahrenden, ach nein, mopedfahrenden Bergleuten war so groß, daß man damit rechnete, daß bis zu 2000 an dieser Aktion teilnehmen würden. Dieses bedingte natürlich eine weitergehende Logistik und so wurde mal wieder gemeinsam geplant. Das Ergebnis war sehenswert. Wie der Zufall es wollte, fand die Veranstaltung 111 Tage nach der Demo im März statt. Immerhin 850 Mopedfahrer, leider spielte das Wetter im Ruhrpott und im Saarland nicht mit, trafen sich zunächst in Siegburg und fuhren anschließend in den Westerwald zu einer Kohlenstaub macht durstigBiker-Fete, natürlich nicht ohne eine Schleife durch Bonn zu ziehen. Die Fahrtstrecke muß wohl nicht beschrieben werden. Die Veranstaltung wurde auch hier wieder ein großer Erfolg, verglich die regionale Presse das Ufer der Wied mit Daytona-Beach, wohl auch wegen des Sonnenlochs, welches Petrus wohlplaziert hatte. Als ein Höhepunkt wurde die überreichung der Grubenlampe an den Bonner Polizeipräsidenten gesehen, welcher standesgemäß auf einer Harley-Davidson hereingefahren wurde. Herauszuheben sind auch Markus und Norbert mit der BOGESTRA-Band sowie Detlef Lauster, die kostenlos ein musikalisches Rahmenprogramm der Extraklasse zauberten. An diesem Punkt angelangt möchte ich schließen, denn wie anfangs bemerkt, alles zu berichten würde den Rahmen sprengen. Doch diese zum Glück nicht frei erfundene Geschichte wird ihre Fortsetzung in den mittlerweile fest geschlossenen Freundschaften finden. |
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